Grundsätzliches zur Balintgruppenarbeit

Grundsätzliches zur Balintgruppenarbeit

Jede Begegnung zwischen Menschen ist geprägt von bewussten und unbewussten Faktoren. Zu den bewussten Faktoren gehören die Ziele des jeweiligen Kontaktes (beim Arzt z.B. „Heilung“ oder Linderung körperlicher und/oder seelischer Krankheit) und die Erfahrungen aus früheren Begegnungen mit Menschen. Die unbewussten Faktoren wirken meistens ebenso stark und können förderlich, aber auch sehr hinderlich sein. In diesem Fall werden Begegnungen schwierig, die Beteiligten fühlen sich unwohl, kommen miteinander nicht weiter. Die Suche nach Gründen für diese Probleme bleibt erfolglos, solange der Einfluss unbewusster Faktoren außer Acht gelassen wird.

An dieser Stelle setzt die Balintgruppenarbeit an, eine Supervisionsmethode auf psychoanalytischer Grundlage. Deren Ziel ist es, unbewusst wirkende, oft hemmende und die Arbeit behindernde Abläufe bewusst zu machen, um sie dann konstruktiv verändern zu können. Sie wird genutzt von Angehörigen aller Berufsgruppen, die mit und an Menschen arbeiten (von Ärzten und Psychologen, Lehrern, Sozialarbeitern etc.).

Für das Gelingen einer Begegnung ist es wichtig, Klarheit und Übereinstimmung bzgl. der bewussten Ziele zu erreichen; beim Arzt zählen dazu im Wesentlichen die Behandlung und Beratung seiner Patienten, aber auch die Organisation in Klinik und Praxis sowie die Personalführung. Unbewusst werden alle Begegnungen jedoch auch noch von Gefühlen beeinflusst, die jeder mitbringt. Sind diese Gefühle Folge ungelöster innerer und äußerer Konflikte, stören und hemmen sie, solange sie nicht erkannt werden.

Dazu einige Beispiele: Ein Patient hat vielleicht ein großes Anlehnungs- oder Mitteilungsbedürfnis und braucht sein Symptom als Eintrittskarte in die Arztpraxis und die Arzt-Patient-Beziehung; ein anderer verspürt diffuse Ängste und sucht Sicherheit in der Bestätigung, körperlich gesund zu sein; auch das Gegenteil kommt vor: Ein Patient möchte, dass der Arzt „bei mir etwas findet und mir sagt, dass ich was habe.“ Wer etwas "hat", muss sich nicht damit beschäftigen, wie er "ist, lebt, denkt und fühlt".

Ein Arzt kann auf das Klagen seiner Patienten nicht oder nicht mehr mit angemessener Gelassenheit reagieren, weil und wenn er die verborgene Botschaft der Mitteilungen seiner Patienten nicht erkennt – Gefühle der Überlastung und Gereiztheit entstehen oder werden verstärkt.

Im Laufe der Supervisionsarbeit wird – manchmal schmerzlich bewegend, letztlich meist befreiend – deutlich, dass der Arzt diese Begegnungen mit den Patienten erheblich mit beeinflusst, und dass auf Dauer nur eine bessere Kenntnis seiner eigenen Persönlichkeit ein klareres Erkennen der unbewussten zwischenmenschlichen Prozesse ermöglicht. Die Persönlichkeit des Arztes ist also Behandlungsinstrument.

Dazu kommt die nicht ganz einfache Aufgabe, herkömmliche Vorstellungen über die Bedeutung des eigenen und fremden Verhaltens zu revidieren.

Mit Hilfe der Erkenntnisse aus der Balintgruppenarbeit kann der Arzt seinen Arbeitsalltag angemessener und damit letztlich angenehmer gestalten: Abgrenzungen gelingen besser und somit die Schaffung eines guten und geschützten Rahmens für die Arbeit mit den Patienten, den Umgang mit den Mitarbeitern und die Organisation der Praxis. Die Erfahrungen mit der Balintgruppenarbeit zeigen, dass die anfangs zusätzliche zeitliche Belastung auf Dauer zu einer zeitlichen und psychischen Entlastung führt.

Diese Aussagen gelten entsprechend auch für die anderen, oben erwähnten Berufsgruppen!




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